Selbst-Verständlichkeiten zur Diskussion um koloniale Raubkunst

Diskussionsbeitrag von Maria Buchwitz

                                           

Gerechtigkeit und Frieden bedingen einander. Frieden zwischen Völkern, der nicht ein größtmögliches Maß an Gerechtigkeit für alle Beteiligten aushandelt, ist brüchig, wie umgekehrt ungerechte Lebensverhältnisse Konflikte und Unfrieden hervorrufen. Somit ist die Debatte in Zusammenhang mit der Ende 2019 geplanten Eröffnung des Berliner Humboldt-Forums um die deutsche koloniale Vergangenheit, um Provenienzforschung und die Rückgabe kolonialer Raubkunst auch eine friedenspolitische Debatte.

 

Drehen wir die Sache doch einmal um und stellen uns vor, Europa wäre von Afrikanern kolonialisiert worden, wertvolle Kulturgüter wie bspw. die Skulpturen Michelangelos oder die Gemälde eines Rembrandt oder Dürer wären unter vergleichbaren Umständen von afrikanischen Regierungen erworben worden, wären in afrikanischen Museen ausgestellt und es gäbe eine Diskussion um ihre Rückgabe. Mit Sicherheit würden wir die Kunstschätze, die zu unserem kulturellen  Selbst-Verständnis, zu unserer kulturellen Identität  gehören, zurückfordern. Ebenso klar sollte es sein, dass Raubkunst zurückgegeben werden muss, wenn es von den betroffenen Ländern gefordert wird. Womit ist es bspw. zu rechtfertigen, dass dem im Bau befindlichen Nationalmuseum in Benin City die wertvollen Benin - Bronzen als vorübergehende Leihgaben zur Verfügung gestellt werden sollen anstatt sie dauerhaft zurückzugeben? Dem Anspruch eines gleichberechtigten Zusammenlebens in der Migrationsgesellschaft, einem neuen Verhältnis zwischen Afrikanerinnen und Europäern auf Augenhöhe steht diese Herangehensweise im Weg.
 

Jürgen Zimmerer, Leiter der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ plädiert in Hinblick auf  den Umgang mit kolonialen Sammlungen für die Umkehrung der Beweislast; d.h. dass ein Objekt als unrechtmäßig erworben gelten sollte, bis das Gegenteil erwiesen ist. Die umgekehrte, heute allgemein übliche Annahme, alles sei rechtmäßig erworben, bis das Gegenteil erwiesen ist, schreibt „die koloniale Rechtfertigungslehre fort“, so Zimmerer, zumal „die Dokumentation der Kunstwerke fast vollständig aus der Feder der Kolonisierenden stammt“. Zu einem neuen Umgang mit unserer kolonialen Vergangenheit gehört es unabdingbar, Afrikaner*innen die Entscheidung zu überlassen, in welcher Art und Weise sie ihre Kunstwerke dokumentieren und ausstellen wollen.

 

Die Rückgabe von Kunstgegenständen, die von Kolonialmächten gestohlen wurden, ist wesentlicher Teil der Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit und gehört in den Gesamtkontext einer Erinnerungspolitik, die dem Vergessen des letzten Jahrhunderts ein offensives Mahnen und Erinnern entgegenstellt. Dazu gehört die Übernahme von Verantwortung der ehemaligen Kolonialmächte in Form einer Entschuldigung für das Leiden, das den Kolonisierten angetan wurde, Reparationsleistungen  und die Anerkennung von Versklavung und Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.