Buchrezension zu den dt.-russ. Beziehungen

„Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen“
Hg. v. Adelheid Bahr, Westend Verlag 2018
Rezension von Maria Buchwitz, Diözesanvorsitzende von pax christi Münster
 
Die Aufkündigung des INF - Vertrages im Februar 2019 von Seiten der USA und der Russischen Föderation ist einer von zahlreichen Bausteinen eines neuen Rüstungswettlaufs zwischen der NATO und Russland. Viel Zeit bleibt nicht mehr bis die Aufkündigung Anfang August diesen Jahres in Kraft tritt, um beide Seiten zu vertrauensbildenden Maßnahmen zu bewegen wie wechselseitigen Inspektionen und Rüstungskontrolle. Die neue Konfrontationspolitik bedroht gerade die europäischen Sicherheitsinteressen, weshalb es höchste Zeit ist, sich für eine neue, konstruktive  Entspannungspolitik mit Russland einzusetzen.
Das vorliegende Buch von Adelheid Bahr erscheint daher genau zum richtigen Zeitpunkt. Gemeinsam mit 25 Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft hat sie einen brandaktuellen Aufruf für eine neue Friedenspolitik verfasst. Die Beiträge von Egon Bahr, Peter Brandt, Justus Frantz, Matthias Platzeck, Konstantin Wecker, Gabriele Schmalz-Krone, Wolfgang Kubicki, Antje Vollmer und anderen eint die mehr als berechtigte Sorge, dass wir uns mit großen Schritten auf dem Weg zurück in den Kalten Krieg - möglicherweise in einen neuen großen Krieg befinden. 
Gleich zu Beginn des Buches ist es hochinteressant, die Rede von Egon Bahr nachzulesen, die er anlässlich der Verleihung des Dr. Friedrich Joseph Haass-Preises 2015 über die Verantwortungspartnerschaft mit Moskau und Washington gehalten hat. Auch die weiteren Beiträge der Publizistin Daniela Dahn und der Grünen- Politikerin Antje Vollmer stellen die Anknüpfung an die Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr in den Mittelpunkt, die auf vertrauensbildenden, intensiven Gesprächen beruhte, dem Kennen und Ernst nehmen der Interessen der anderen Seite, ohne ihr die eigene Vorstellung von Demokratie aufzwingen zu wollen. Im Gegensatz dazu, so Vollmer,  wird heute „weltweit lesbar getwittert und geschurigelt (Trump) oder kurz telefoniert und dann über Pressesprecher verkündet, was von der russischen Seite aktuell einzufordern sei (Merkel), oder gleich per Pressestatement verlautbart, welche Moral der russischen Seite abzuverlangen sei, bevor man gnädiger weise mit dem Dialog beginnen könne (Maas)“. Natürlich fehlt auch die Stimme der ehemaligen ARD Russland-Korrespondentin Gabriele Schmalz-Krone nicht, die für einen Perspektivwechsel eintritt, um zu verstehen, was die andere Seite antreibt. Ihr Fazit: „Deeskalieren, vermitteln, sich in die Lage anderer versetzen – das hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit politischer Weitsicht, mit menschlicher Größe und mit den christlichen Werten, die so viele im Munde führen“. 
Ein anderer wichtiger Aspekt in vielen Beiträgen u.a. des ehemaligen SPD - Vorsitzenden Matthias Platzeck und des Dirigenten und Pianisten Justus Frantz ist die historische Verantwortung, die unser Land gegenüber Russland hat und die uns als Brückenbauer einer neuen Entspannungspolitik prädestiniere. Dem Vernichtungskrieg, den die Deutschen 1941-1945  gegen die sowjetische Bevölkerung geführt haben, sind ca. 27 Millionen Menschen zum Opfer gefallen, mehr als die Hälfte waren Zivilisten. Daniela Dahn bringt es auf den Punkt: „ Dafür, dass zur deutschen Staatsraison die Sicherheit Israels gehört, gibt es unabweisliche Gründe. Sie beruhen auf historischer Verantwortung. Aus denselben Gründen gebietet es sich, auch die Freundschaft zu Russland zur Staatsraison zu erheben“. Der Schriftsteller Wolfgang Bittner stellt gleich in seiner Überschrift die Frage: „Was um Himmels willen treibt Deutschland gegen Russland?“ Er erinnert an die jahrhundertelang intensiven Handelsbeziehungen zwischen Deutschen und Russen und den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch. „Was wäre unsere Kultur ohne die russische Literatur, Kunst, Musik, ohne das russische Theater?“ fragt er.  Ebenso hebt Justus Frantz die wichtige Rolle gemeinsamer kultureller Projekte hervor, wie den deutschrussischen Jugendaustausch und die 1990 von ihm gemeinsam mit Valery Gergiev gegründete Deutsch-Sowjetische Junge Philharmonie. 
Dauerhaften Frieden in Europa kann es nur mit Russland geben – das zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. 94% der Deutschen halten heute gute Beziehungen zu Russland für wichtig - so das Ergebnis einer umfangreichen Studie des forsaInstituts für Politik und Sozialforschung aus dem Jahr 2018. Kaum mehr vorstellbar ist, dass die Ablösung der Militärbündnisse Warschauer Pakt und NATO durch eine gesamteuropäische Friedensordnung unter Einbeziehung Russlands im Grundsatzprogramm der SPD von 1989 gefordert wurde. Die Erweiterung und zunehmende militärische Ausstattung der NATO sowie die Aufstockung des Rüstungsetats um 12 Milliarden Euro jährlich sprechen heute eine deutlich andere Sprache. Und: in den öffentlich-rechtlichen Medien sowie in Parteien von CDU/CSU über die SPD und die Grünen wird neuen Feindbildern Vorschub geleistet und Verletzungen des Völkerrechts mit zweierlei Maß beurteilt, je nachdem ob sie von Russland oder den USA ausgehen. Dass gerade der Abbau von Feindbildern, Vertrauensbildung und gute diplomatische Beziehungen für den Erhalt des Friedens notwendig sind, steht außer Zweifel.
Die ganz verschiedenen Blickwinkel, aus denen zum Thema geschrieben wird, machen das Buch zu einer spannenden und bereichernden Lektüre – absolut zu empfehlen!